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SM2 Studie: Atomausstieg und Energiewende

Alterian SM2 Social Media Monitor „Atomausstieg & Energiewende: Hat Fukushima einen Tsunami im Social Web ausgelöst?“

Die Auswirkungen der Natur- und Atom-Katastrophe in Nordjapan haben die Welt weit über die Grenzen Japans hinaus verändert, und zwar ganz besonders in Deutschland: Die bisher eher atomfreundliche schwarz-gelb-blau-weiße Regierungskoalition legte eine blitzartige „Rolle rückwärts“ in der Energiepolitik hin und postulierte das Ende der Atomkraft in Deutschland – immer mit Bezug auf den angeblichen Wählerwillen.

Die nun anstehenden Umbauten in Energiewirtschaft und –infrastruktur sind massiv, die zu überwindenden Hürden beträchtlich. Vermutlich werden die Kosten für Kraftwerkbau, Netzinfrastrukturausbau und Erneuerbare-Energien-Förderung hoch genug sein, dass es lohnt, sich den sogenannten „Wählerwillen“ mal genauer anzusehen.

In dieser Ausgabe des Alterian SM2 Social Media Monitors wollen wir also durch eine Analyse der Konversationen im Social Web untersuchen, wie sich das Thema „Atomkraft“ rund um die Katastrophe bei den Verbrauchern entwickelt hat und ob es tatsächlich eine Art „Wählerwillen“ pro Atomausstieg gibt.

Lesen Sie, welche Informationen über gesellschaftliche Meinungsbildungsprozesse interessierte Marktforscher, PR-Berater oder Marketingverantwortliche mit professionellen Social Media Monitoring Tools wie z.B. dem hier verwendeten SM2-Dienst von Alterian gewinnen können!


Untersuchungsgegenstand und Herangehensweise

Im Rahmen der vorliegenden Analyse wurden zunächst Informationen über Quantität, Ort und Entwicklung der Konversationen im Social Web (Foren, Blogs, Twitter, Soziale Netzwerke etc.) gesucht. Dazu wurden alle Nennungen der Keywords „Fukushima“, „Atomausstieg“, „ausstieg“ AND ("atomkraft" OR "atomenergie") und „Energiewende“ seit dem 1. November vergangenen Jahres und wie sich diese Zahlen mit der Reaktorkatastrophe veränderten, erfasst. Dabei wurde auch analysiert, auf welche Medien sich die Konversationen verteilen und welche Bedeutung dem Thema in anderen europäischen Nationen zukommt.

Neben diesen mehr quantitativen Themen interessierten uns natürlich auch inhaltliche Fragen: Wer sind die Handlungsträger bzw. –treiber unter den NGOs und Parteien, auf welchen politischen Plattformen findet die Social Media-Diskussion eigentlich statt? Wer profitiert schließlich im Social Web vom „Boom“ des Themas? Geht es mehr um einen (eher negativ besetzten) „Atomausstieg“ oder um eine (eher positiv besetzte) „Energiewende“?


1. Entwicklung der Konversationen über "Atomausstieg"

Konversationen rund um das Thema Atomausstieg
Abbildung 1: Entwicklung der Konversationen rund um das Thema Atomausstieg

Wie der Chart zeigt, ist Atomkraft im Social Web beileibe kein neues Thema, und offensichtlich eines, das auch schon vor Fukushima geeignet war, die Social Media Community zu „aktivieren“: Bereits zum Castortransport im November 2010 gab es einen großen Anstieg an Konversationen.

Weiter zeigt die Grafik, dass das Thema als eine Art „Dauerbrenner“ auch in nachrichtenarmen Zeiten nie ganz abklingt.

Wie zu erwarten war, hat die Bedeutung des Themas durch die Atomkatastrophe in Fukushima, die mit dem Erdbeben am 11. März begann, schlagartig zugenommen und sich seitdem auf hohem Niveau gehalten, bis Ende Mai mit der Vorstellung der Beschlüsse zur Energiewende ein absoluter Peak erreicht wurde.

Von Politikverdrossenheit also kann zumindest bei diesem Thema hierzulande keine Rede sein – der absolute Höhepunkt der Debattenintensität sind die Tage um die Vorstellung der Atomausstiegsstrategie der Regierungskoalition!


2. „Fukushima“: 9 Buchstaben, die die Welt veränderten

Die Atomkatastrophe in Fukushima war ein globales Ereignis und ausschlaggebend für die Kehrtwende der Schwarz-Gelben Regierung. Folgender Graph zeigt die Entwicklung der Konversationen rund um Fukushima:

Konversationen rund um Fukushima
Abbildung 2: Entwicklung der Konversationen rund um Fukushima


3. Wo fanden die Konversationen rund um Fukushima statt?

In den ersten Tagen fanden die Konversationen hauptsächlich auf Twitter statt, was angesichts des Anlasses, der Geschwindigkeit der Entwicklung und der sofort befürchteten globalen Auswirkungen der Katastrophe durchaus zu erwarten war - Nota bene: Globale Katastrophen erfordern globale Medien!

Share of Voice - Fukushima
Abbildung 3: Share of Voice im Zeitverlauf zum Thema Fukushima

Die meisten Tweets wurden dabei zunächst von politisch orientierten Usern bzw. Gruppen versendet, wie z.B. von @ antiatomowl oder @ antiatompiraten.

Schnell entstanden jedoch eine große Zahl neuer, exklusiv für dieses Thema erstellter Accounts mit passenden Namen wie z.B. @ japon_tsunami, @ fukushima_fr oder auch @ japan_gau.


4. Wie verteilen sich die Konversationen über Fukushima über die größten europäischen Länder?

Da Social Media keine nationalen Grenzen kennen, haben wir zur Ermittlung der Konversationsverteilung über Europa diese nach Sprachräumen unterschieden:

Konversationen nach Sprachen
Abbildung 4: Verteilung der Konversationen rund um Fukushima nach Sprachen

Besonders interessant an diesem Chart sind die Zahlen zu englisch, spanisch und deutsch: Wenn im spanischen Sprachraum mit ca. 50 Millionen Sprechern, im englischen mit ebenfalls um die 50 Millionen und im deutschen mit über 100 Millionen Sprechern fast annähernd gleich viel über Atomkraft gesprochen wird, dann ist die Behauptung mancher Medien und Interessengruppen hierzulande, die Deutschen würden mal wieder Panikmache betreiben, klar widerlegt – im Verhältnis halten sich die Deutschen geradezu zurück!


5. Wie verhält es sich mit den Konversationen rund um den Atomausstieg?

Der Großteil dieser Konversationen findet sich auf Medienseiten (vgl. (Media Types - Other); aber immer noch knapp die Hälfte der Konversationen stammen aus Foren und Microblogs:

Share of Voice zum Thema Atomausstieg
Abbildung 5: Share of Voice zum Thema Atomausstieg

Ein Blick auf die Top 10 Foren zeigt dabei aber ein sehr heterogenes Bild:
Es gibt eine Reihe von finanzorientierten Foren wie trendinvest oder klamm.de, in denen z.B. die Kosten des Ausstiegs und dem damit etwaig verbundenen Anstieg der Strompreise diskutiert werden, daneben aber auch – auf den ersten Blick – eher themenirrelevante Foren wie bfriends, chefkoch.de usw., was zeigt, dass das Thema den Bürger quasi überall da beschäftigt, wo er mit anderen im Social Web kommuniziert.

Foren zum Thema Atomausstieg
Abbildung 6: Foren mit den meisten Konversationen zum Thema Atomausstieg

Ein Blick auf die Top Blogs zum Thema Atomausstieg zeigt, dass hier wie erwartet vor allem politische Blogs und Blogs der NGOs wie z.B. „Greenpeace“ bzw. „Atomkraftgegner“ eine große Rolle spielen. Das gleiche Bild ergibt sich bei Facebook-Seiten, wo Greenpeace Deutschland und die Grünen die meisten Konversationen rund um das Thema erzeugten:

Blogs zum Thema Atomausstieg
Abbildung 7: Blogs mit den meisten Konversationen zum Thema Atomausstieg

Wie wichtig dieses Thema den Menschen in Deutschland ist, zeigt alleine schon der Wahlsieg der Grünen in Baden-Württenberg. Gleiches gilt für das von den NGOs verzeichnete Mitglieder-Wachstum, das sich etwa in der Anzahl der Facebook-Fans eindrucksvoll wiederfindet:

Sowohl der WWF als auch Greenpeace Deutschland verzeichneten einen signifikanten Anstieg der Fanzahlen auf ihren Facebook Seiten seit Mitte März, wie die Statistiken von facemeter.de verdeutlichen:

Entwicklung WWF
Abbildung 8: Fanentwicklung der Facebookgruppe des WWF – Entwicklung seit Mitte März


Fanentwicklung Greenpeace
Abbildung 9: Fanentwicklung der Facebookgruppe von Greenpeace – Entwicklung seit Mitte März

Vergleicht man alle gefunden Konversationen zum Thema Atomausstieg auf offenen Facebook Seiten mit den von NGOs und Atomkraftgegner-Gruppen generierten Facebook-Inhalten, sieht man zudem eine deutliche Korrelation:

Entwicklungen der Konversationen auf Facebook
Abbildung 10: Entwicklung der Konversationen auf Facebook gesamt vs. Facebook Content von NGOs

Die blaue Linie zeigt die von NGOs und Atomkraftgegnern erzeugten Facebook-Inhalte im Vergleich zum Gesamtvolumen: Man sieht an einigen Tagen in den Spitzen deutliche Korrelationen, die belegen, dass Facebook definitiv ein Medium der NGOs ist.

Interessant ist auch zu sehen, wie sich die Terminologie entwickelt hat: Wurde in der Vergangenheit mehrheitlich über einen „Atomausstieg“ gesprochen, setzte sich in den Diskussionen nach Fukushima schnell ein neuer, insgesamt positiver besetzter Terminus durch – der der „Energiewende“.

Die Begriffe Atomausstieg und Energiewende im zeitl. Verlauf
Abbildung 11: Die Begriffe Atomausstieg und Energiewende im zeitlichen Verlauf

Legt man den Verlauf der Begriffe „Atomausstieg“ und „Energiewende“ übereinander, sieht man, dass diese ab Mitte März deutlich korrelieren und sich ab April mehr oder weniger im Einklang entwickeln. Dies zeigt, dass das Thema Atomausstieg nun auch direkt mit der damit verbundenen und notwendigen Energiewende in Verbindung gebracht wird.

Sicherlich war das Thema schon immer politischer Natur, aber vor allem wegen der Kehrtwende bei der Laufzeitverlängerung war die Diskussion hochgradig politisiert. Der folgende Graph zeigt, wie die einzelnen Parteien in der Diskussion auftauchen:

Parteien in Vebrindung mit Atomausstieg
Abbildung 12: Nennungen der politischen Parteien in Verbindung mit Atomausstieg

Betrachtet man die Verteilung der Konversationen nach Parteien, zeigt sich, dass das Thema bis zur Atomkatastrophe in Fukushima selten mit politischen Parteien in Verbindung gebracht wurde.

Mitte März jedoch wurde das Thema wieder von den Parteien aufgenommen: Wirft man einen genaueren Blick auf die Konversationen auf Facebook, sieht man, dass vor allem die Opposition um die Grünen und die SPD hier federführend sind.

Generell verzeichnen Grüne und SPD mehr Fans als die schwarz-gelbe Regierung, allein die Facebook-Seite der Grünen hat doppelt so viele Fans wie die Seite der CDU/CSU!


6. Fazit

Die Betrachtung des Social Webs zeigt, dass das Thema große Wellen im europaweiten Social Web schlug, wobei es im deutschsprachigen Raum nicht signifikant heißer herging als zum Beispiel im spanischen oder englischen Raum.

Dennoch waren die Regierenden hierzulande wahrscheinlich ganz gut beraten, von einem Wählerwillen pro Ausstieg auszugehen.

Intensive, breit geführte Diskussionen wie die hier untersuchte Atomkraftdebatte polarisieren und aktivieren Zig-Tausende: Manche NGO oder Interessengruppen konnten ihre Mitgliederzahlen quasi verdoppeln: da manifestiert sich dann die politische Macht des gesellschaftlichen Diskurs – wenn er so paritätisch, frei und ungesteuert stattfinden kann, wie das im Social Web heute möglich ist!